CAGR erklärt: Dividendenwachstum richtig verstehen und berechnen

CAGR erklärt: So messen Sie das Dividendenwachstum Ihrer Aktien

Wer langfristig in Dividendenaktien investiert, stößt früher oder später auf die Abkürzung CAGR. Die Compound Annual Growth Rate – auf Deutsch: durchschnittliche jährliche Wachstumsrate – ist eine der wichtigsten Kennzahlen für Dividendeninvestoren. Sie zeigt, wie stark eine Dividende über einen bestimmten Zeitraum pro Jahr gewachsen ist, und ermöglicht damit einen fairen Vergleich zwischen völlig unterschiedlichen Aktien. Dieser Ratgeber erklärt die Formel, zeigt Rechenbeispiele und ordnet typische CAGR-Werte bei deutschen Dividendenaktien ein.

Was bedeutet CAGR? – Definition und Grundidee

Die CAGR beschreibt die gleichmäßige, jährliche Wachstumsrate, die ein Anfangswert benötigt hätte, um über einen festgelegten Zeitraum einen bestimmten Endwert zu erreichen. Anders als eine einfache Durchschnittsberechnung berücksichtigt die CAGR den Zinseszinseffekt – sie unterstellt also, dass Wachstum auf Wachstum aufbaut.

Ein einfaches Beispiel: Ein Unternehmen zahlt im Jahr 2016 eine Dividende von 3,00 Euro je Aktie. Zehn Jahre später, im Jahr 2026, liegt die Dividende bei 6,48 Euro. Die CAGR gibt an, um wie viel Prozent die Dividende durchschnittlich pro Jahr hätte steigen müssen, um von 3,00 auf 6,48 Euro zu gelangen – und zwar unter Berücksichtigung des Zinseszinseffekts.

Die CAGR-Formel im Detail

Die mathematische Formel für die CAGR lautet:

CAGR = (Endwert / Anfangswert)1/n − 1

Dabei steht:

  • Endwert: der letzte bekannte Wert (z. B. die aktuelle Dividende je Aktie)
  • Anfangswert: der erste Wert des betrachteten Zeitraums (z. B. die Dividende vor zehn Jahren)
  • n: die Anzahl der Jahre zwischen Anfangs- und Endwert

Schritt-für-Schritt-Beispiel: Allianz

Die Allianz hat ihre Dividende von rund 7,30 Euro (2016) auf 17,10 Euro (2026) gesteigert – ein beeindruckender Anstieg. Setzen wir die Werte in die Formel ein:

  1. Endwert / Anfangswert = 17,10 / 7,30 = 2,3425
  2. Exponent: 1/10 = 0,1
  3. 2,34250,1 = 1,0889
  4. CAGR = 1,0889 − 1 = 0,0889 bzw. ca. 8,9 % pro Jahr

Das bedeutet: Die Allianz-Dividende ist in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt um rund 8,9 % pro Jahr gewachsen. Anleger, die 2016 gekauft und gehalten haben, erzielen auf ihren Einstandskurs heute eine deutlich höhere Rendite als zum Kaufzeitpunkt – ein Effekt, der oft als Yield on Cost bezeichnet wird.

CAGR vs. einfache Durchschnittswachstumsrate – der entscheidende Unterschied

Viele Anleger verwechseln die CAGR mit einer einfachen Durchschnittsberechnung. Die Unterschiede sind jedoch erheblich:

Kriterium Einfacher Durchschnitt CAGR
Berechnung Summe aller jährlichen Wachstumsraten ÷ Anzahl Jahre Geometrisches Mittel (berücksichtigt Zinseszins)
Berücksichtigt Schwankungen? Nein – einzelne Extremjahre verzerren das Ergebnis Ja – nur Anfangs- und Endwert zählen
Aussagekraft Kann irreführend sein (z. B. bei Kürzungen und starken Erhöhungen) Zeigt den tatsächlichen Wachstumspfad
Vergleichbarkeit Eingeschränkt Sehr gut – ideal für Vergleich zwischen Aktien

Beispiel zur Verdeutlichung: Ein Unternehmen zahlt in Jahr 1 eine Dividende von 2,00 Euro, erhöht auf 3,00 Euro (+50 %) und kürzt dann auf 2,40 Euro (−20 %). Der einfache Durchschnitt der Wachstumsraten wäre (+50 % − 20 %) / 2 = +15 %. Die CAGR beträgt jedoch nur (2,40/2,00)1/2 − 1 = 9,5 % – und spiegelt die Realität deutlich besser wider.

Warum ist die CAGR für Dividendeninvestoren so wichtig?

Die aktuelle Dividendenrendite zeigt nur eine Momentaufnahme. Eine Aktie mit 2 % Rendite kann langfristig profitabler sein als eine mit 5 %, wenn die Dividende jährlich stark wächst. Die CAGR hilft dabei, genau diese Dynamik zu erfassen:

  • Zukunftspotenzial einschätzen: Eine hohe Dividenden-CAGR deutet darauf hin, dass das Unternehmen seine Gewinne kontinuierlich steigert und Aktionäre daran beteiligt.
  • Yield on Cost berechnen: Mit der CAGR lässt sich ableiten, welche Rendite auf den ursprünglichen Kaufkurs ein Anleger in 5, 10 oder 20 Jahren erzielt.
  • Aktien vergleichen: Unterschiedliche Branchen, Ausschüttungsquoten und Währungen werden durch die CAGR vergleichbar.
  • Inflationsschutz prüfen: Eine Dividenden-CAGR oberhalb der Inflationsrate bedeutet realen Kaufkraftzuwachs.

CAGR-Werte deutscher Dividendenaktien im Vergleich

Die folgende Tabelle zeigt die historische Dividenden-CAGR ausgewählter DAX-Unternehmen über verschiedene Zeiträume. Die Werte basieren auf tatsächlichen Dividendenzahlungen und verdeutlichen, wie unterschiedlich das Wachstum ausfallen kann:

Unternehmen CAGR 5 Jahre CAGR 10 Jahre Einordnung
Allianz ca. 9,9 % ca. 8,4 % Sehr stark
Munich Re ca. 19,6 % ca. 11,3 % Herausragend
Siemens ca. 8,9 % ca. 5,4 % Gut
SAP ca. 6,3 % ca. 8,1 % Gut
Deutsche Börse ca. 7,0 % ca. 6,4 % Gut
Deutsche Telekom ca. 7,5 % ca. 4,0 % Solide
BASF ca. −2,0 % ca. 0,5 % Schwach (Kürzung)

Auffällig: Munich Re zeigt mit fast 20 % CAGR über fünf Jahre ein außergewöhnliches Dividendenwachstum, was auch das starke Geschäftsergebnis der Rückversicherung in den letzten Jahren widerspiegelt. BASF hingegen musste die Dividende kürzen – die negative 5-Jahres-CAGR zeigt dies deutlich. Eine hohe aktuelle Rendite allein sagt also wenig über die Qualität einer Dividendenaktie aus.

Wie hoch sollte eine gute Dividenden-CAGR sein?

Es gibt keinen universell „richtigen“ CAGR-Wert – die Bewertung hängt vom Kontext ab. Als Orientierung können folgende Richtwerte dienen:

CAGR-Bereich Einordnung Typische Unternehmen
0–3 % Gering – deckt häufig nicht einmal die Inflation Reife Branchen, Versorger mit reguliertem Wachstum
3–6 % Solide – realer Kaufkrafterhalt plus leichter Zuwachs Konsumgüter, Telekommunikation, etablierte Industriekonzerne
6–10 % Gut bis sehr gut – deutliches Wachstum über Inflation Versicherungen, Technologie, gut geführte Finanzdienstleister
über 10 % Herausragend – oft aus besonderem Gewinnwachstum getrieben Rückversicherer, wachstumsstarke Tech-Konzerne mit niedriger Ausschüttungsquote
Negativ Warnsignal – Dividende wurde gekürzt oder gestrichen Zyklische Branchen in Abschwungphasen, Unternehmen in Umstrukturierung

Wichtig: Eine extrem hohe CAGR über kurze Zeiträume (z. B. 3 Jahre) kann täuschen. Wurde die Dividende etwa nach einer Kürzung wieder angehoben, ergibt sich rechnerisch eine hohe CAGR, die aber nicht zwingend in die Zukunft fortgeschrieben werden kann. Deshalb empfiehlt es sich, sowohl die 5-Jahres- als auch die 10-Jahres-CAGR zu betrachten.

CAGR und Yield on Cost – das Zusammenspiel verstehen

Der Effekt einer hohen Dividenden-CAGR wird besonders sichtbar, wenn man die Yield on Cost (YoC) betrachtet – also die Dividendenrendite bezogen auf den ursprünglichen Kaufkurs. Ein Beispiel zeigt die Kraft des Wachstums:

Angenommen, Sie kaufen eine Aktie für 100 Euro mit einer anfänglichen Dividendenrendite von 3 %. Bei einer Dividenden-CAGR von 8 % entwickelt sich Ihre Yield on Cost folgendermaßen:

Jahr Dividende je Aktie Yield on Cost
0 (Kauf) 3,00 € 3,0 %
5 4,41 € 4,4 %
10 6,48 € 6,5 %
15 9,52 € 9,5 %
20 13,98 € 14,0 %

Nach 20 Jahren beträgt die Yield on Cost 14 % – obwohl die aktuelle Marktrendite der Aktie möglicherweise nur bei 3–4 % liegt. Dieser Effekt ist einer der stärksten Motivationsfaktoren für langfristiges Dividendeninvestieren.

Grenzen und häufige Fehler bei der CAGR-Analyse

So nützlich die CAGR ist, so wichtig ist es, ihre Grenzen zu kennen:

  • Zwischenwerte werden ignoriert: Die CAGR betrachtet nur Anfangs- und Endwert. Eine Aktie, deren Dividende zwischenzeitlich gestrichen und später wieder eingeführt wurde, kann trotzdem eine positive CAGR zeigen.
  • Sonderdividenden verzerren: Einmalige Sonderzahlungen im Endwert erhöhen die CAGR künstlich. Solche Ausreißer sollten bei der Berechnung herausgerechnet werden.
  • Kein Zukunftsversprechen: Die historische CAGR kann sich fortsetzen – muss es aber nicht. Strukturelle Veränderungen im Geschäftsmodell oder in der Branche können den Trend brechen.
  • Kurze Zeiträume sind wenig aussagekräftig: Eine 3-Jahres-CAGR kann von einmaligen Effekten geprägt sein. Erst ab 5–10 Jahren ergibt sich ein belastbares Bild.
  • Währungseffekte beachten: Bei ausländischen Aktien kann die CAGR in Heimatwährung anders aussehen als in Euro.

CAGR selbst berechnen – praktische Tipps

Für die eigene Berechnung benötigen Sie lediglich die historischen Dividenden je Aktie. Diese finden Sie auf Finanzportalen, in Geschäftsberichten oder direkt auf dividenden-kalender.de.

In Excel oder Google Sheets lässt sich die CAGR komfortabel berechnen:

=((Endwert/Anfangswert)^(1/Anzahl_Jahre))-1

Alternativ können Sie die Funktion RGP (Wachstumsrate) oder in neueren Excel-Versionen XINTZINSFUSS nutzen, wenn Sie mit unregelmäßigen Zeiträumen arbeiten.

Fazit: Die CAGR gehört in jede Dividendenanalyse

Die CAGR ist weit mehr als eine trockene Kennzahl. Sie offenbart, welche Unternehmen ihre Dividende nachhaltig steigern und welche nur eine hohe Momentrendite bieten. Für langfristig orientierte Dividendeninvestoren ist die Kombination aus aktueller Dividendenrendite und historischer Dividenden-CAGR einer der aussagekräftigsten Analyseansätze überhaupt.

Auf dividenden-kalender.com finden Sie für jede Aktie den DiviScore, der unter anderem die CAGR über verschiedene Zeiträume berücksichtigt und Ihnen so eine schnelle Einordnung ermöglicht.

Stand der Recherche: März 2026. Historische CAGR-Werte basieren auf tatsächlichen Dividendenzahlungen der genannten Unternehmen. Vergangene Dividendenentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ausschüttungen.

Alexander Müller
Gründer & Redaktionsleiter, Dividenden-Kalender.com
Dividendeninvestor seit über einem Jahrzehnt. Alle Angaben ohne Gewähr und keine Anlageberatung.